PRESSEAUSWAHL
• „Was Frauen in mittleren Jahren wirklich umtreibt, kommt in Mainstream-Produktionen nicht vor“,
Der Tagesspiegel, 05.02.2026
• „Vom Mythos der Libido-Klippe“, rbb, 13.02.2026
• „Die Frau an der Klippe“, taz, 14.02.2026
• „Fliederfarbene Freiheit: Miranda Julys ›Auf allen vieren‹ in den Sophiensaelen“, Der Freitag, 16.02.2026
• „Das Theater mit den Wechseljahren“, Die ZEIT, 19.02.2026
• „Wie schön das flirrt“, Süddeutsche Zeitung, 13.2. 2026
• „Witzige Wechseljahre“, FAZ, 24.2.2026
Tagesspiegel
Fritzi Haberlandt und Meike Droste im Interview
„Was Frauen in mittleren Jahren wirklich umtreibt, kommt in Mainstream-Produktionen nicht vor“
tagesspiegel.de | Gunda Bartels | 05.02.2026
Frau Haberlandt, Sie sagten kürzlich, dass Scham der negative Motor Ihres Lebens sei. Das müssen Sie
bitte erklären.
FRITZI HABERLANDT: Ich bin sehr schamanfällig und schäme mich für viele Dinge. Die Scham oder die Angst vor der Scham ist immer vorhanden. Deswegen überprüfe ich ständig meine Handlungen: Ist das okay, kann ich das machen? Auch um mich abzusichern, mich nicht schämen zu müssen. Das betrifft viele Bereiche, auch das Theater. Ich gehe nicht einfach auf die Bühne und mache irgendwas, sondern zeige nur so viel, dass ich mich nicht schämen muss.
Frau Droste, halten Sie Scham für eine frauentypische Eigenart?
MEIKE DROSTE: Nein, Scham kennen alle Menschen. Weiblich sozialisiert ist eher, dass Frauen viel öfter die Gruppe mitdenken, die anderen, die im Raum sind, die Gesellschaft. Dieses Bewusstsein für das Kollektiv habe ich bei Männern seltener erlebt.
HABERLANDT: Frauen werden mehr angehalten, sich zu schämen. Unser Geschlechtsteil hieß lange Zeit Scham. Man lernt, dass man sich als Mädchen zurücknehmen muss, nicht laut sein darf, sich schämen soll. Frauen schämen sich auch mehr fürs Älterwerden als Männer. Alles Laute und Körperliche ist bei Frauen schambehafteter als bei Männern.
Erstaunlich, dass Sie das als Schauspielerin so empfinden. Der Beruf setzt immerhin professionellen Exhibitionismus voraus.
HABERLANDT: Einige Schauspieler:innen wollen sich zeigen, das ist ihr Antrieb, auf die Bühne zu gehen. Ich spüre einen großen inneren Widerstand. Bei mir ist es eher ein künstlerischer Prozess, der Wunsch, etwas unbedingt er- zählen zu wollen.
Frau Droste, Sie sagten kürzlich, dass Sie in den letzten zehn Jahren eine große Transformation erlebt haben. In welcher Hinsicht?
DROSTE: Ich habe mich vom Vater meiner Kinder getrennt, als sie noch klein waren, bin aus einem festen Theaterengagement in die freischaffende Arbeit gegangen, ich bin älter geworden, habe also ganz viel bekanntes Terrain verlassen. Ich musste Sicherheit für meine Kinder schaffen, Geld verdienen, das hat Konzentration erfordert. Jetzt merke ich, dass wieder Kräfte frei werden, um so ein Kollektivprojekt wie unsere Uraufführung von „Auf allen vieren“ zu stemmen, die genau so einen Umbruch bearbeitet.
Den Begriff Perimenopause, der die hormonelle Umstellungsphase vor der letzten Menstruation bezeichnet, hat die amerikanische Autorin und Künstlerin Miranda July mit ihrem Bestseller „Auf allen vieren“ popkulturfähig gemacht. Warum ist es Ihnen ein Anliegen, den Roman jetzt in deutscher Erstaufführung auf die Bühne zu bringen?
HABERLANDT: Es geht darin um viele Themen, die mich in einer der besten und schwierigsten Zeiten meines Lebens umtreiben. Etwa die körperlichen Veränderungen dieser zweiten Pubertät, in der Frauen sich nochmal neue Freiräume suchen, sie sind dort lustig und verzweifelt traurig geschildert.
DROSTE: Die Hauptfigur ist eine mittelberühmte Künstlerin. Das führt zum Thema des Älterwerdens von Schauspielerinnen und zu der Frage, was für Bilder wir Schauspielerinnen in die Welt setzen, wenn wir Frauenfiguren im Alter von 45 Jahren spielen. Es gibt kaum Rollen, die diese Themen verhandeln, die uns in dem Alter umtreiben. Als ich mit 26 Kinder bekam, war ich in Film- und Fernsehrollen sofort „die Mutter“ und ab 40 war ich bei Rollenanfragen gefühlt „die Oma“. Was Frauen in mittleren Jahren wirklich umtreibt, kommt in Mainstream-Produktionen nicht vor.
Zusammen mit den Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster und anderen Theatergewerken bilden Sie ein All-Women-Team: Warum machen bei dieser Produktion keine Männer mit?
DROSTE: Wir haben in unserem Berufsleben sehr viel sehr gut mit Männern zusammengearbeitet. Ein Motiv des Romans ist aber Virginia Woolfs Klassiker „Ein Zimmer für sich allein“, Miranda July schlägt das explizit vor. Das wollten wir als Experiment wörtlich nehmen und – trotz aller Skepsis, die es durch- aus gab –mit Frauen einen Raum bilden, in dem wir etwas schaffen. Herausfinden, wie es ist, wenn Frauen sich solidarisieren und einen weiblichen Raum bauen und halten.
Und wie ist es?
HABERLANDT: Sehr natürlich, wir begegnen uns frei, ungezwungen und verständnisvoll.
DROSTE: Unter Frauen kann man Unstimmigkeiten offener ansprechen, weil man aus derselben Welt kommt. Verglichen mit anderen Theaterproben sage ich häufiger etwas und höre mir seltener lange Vorträge an.
HABERLANDT: Davor habe ich am Deutschen Theater „Der Liebling“ mit der Regisseurin Anita Vulesica gemacht. Auch das war ein ganz anderes Arbeiten als mit einem Regisseur, weniger hierarchisch. Meike und ich haben in jungen Jahren schon mit großen männlichen Theatertieren gearbeitet, das prägt. Jetzt tut es mir sehr gut, wenn viele Frauen im Raum sind.
Warum ist das Theaterstück, das Sie in den Berliner Sophiensaelen zeigen, eine freie Produktion?
DROSTE: Es haben sich viele deutsch- sprachige Theater um die Uraufführungsrechte beworben und wir haben sie bekommen, als Künstlerinnen, die kollektiv arbeiten und zunächst unabhängig von einer Spielstätte.
HABERLANDT: Das war ein Krimi!
DROSTE: Wir sind sehr stolz, dass er zu unseren Gunsten ausgegangen ist. Mit der Argumentation, dass wir das Stück als unabhängige Künstlerinnen an einem unabhängigen Ort aufführen. Wir haben alles allein gemacht, die Gelder und die Koproduktionshäuser eingeworben. Das hat Miranda July wohl gefallen.
Frau Haberlandt, Sie sind 50 Jahre alt, Frau Droste, Sie werden 46: Mit welchen Gefühlen blicken Sie
auf die Menopause, also auf den Verlust der Fruchtbarkeit?
HABERLANDT: Ich habe keine eigenen Kinder und verbinde Fruchtbarkeit nicht so sehr mit Weiblichkeit. Gleichzeitig spüre ich eine große Veränderung. Ich nenne es Häutung, die alte Haut war gut, aber die neue gefällt mir besser. Und es ändert sich nicht nur körperlich was, ich fühle eine andere psychische Stärke, ein neues Selbstbewusstsein und werde egoistischer.
DROSTE: Ich bin noch in der Perimenopause und habe gar nichts dagegen, älter zu werden. Ich stelle fest, dass ich angstfreier werde. Meine Kinder sind fast groß, das Thema ist abgeschlossen. Mit Blick auf den alternden Körper und mein Bedürfnis nach Unabhängigkeit denke ich eher daran, wie es wird, wenn man im Alter Kräfte einbüßt und womöglich nicht mehr ohne Hilfe gehen kann. Die Gegenwart finde ich super.
Nach der Menstruation ist inzwischen auch die Menopause als ehemaliges Tabu-Thema hip geworden, über das Hollywoodstars wie Naomi Watts Bücher schreiben und Komikerin Annette Frier Witze macht:
Wie finden Sie diese Entwicklung?
HABERLANDT: Sehr gut. Das klingt ein bisschen, als müsste man diese Welle, zu der auch wir mit dem Stück gehören, verteidigen. Den Themenstau gibt es aber nur, weil früher niemand über die Menopause gesprochen oder geschrieben hat. Die Geschichten wurden nicht erzählt. Über männliche Pubertät habe ich so viele Bücher gelesen und Filme gesehen in meinem Leben, darüber weiß ich alles. Aber über die Wechseljahre kommt das jetzt erst. Da müssen wir uns nicht rechtfertigen.
Miriam Stein betont in ihrem Buch „Die gereizte Frau“ die gesellschaftliche Aufladung der weiblichen Wechseljahre: „Die Periode ist politisch – und ihr Ausbleiben auch“. Was denken Sie darüber?
DROSTE: 51 Prozent der Weltbevölkerung sind weiblich und haben gut 30 Jahre lang ihre Periode. Darüber zu re- den und das ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken, ist extrem wichtig. Bell Hooks, die amerikanische Feministin, sagt, dass wir alle Menschen sind und Empathie für andere haben, es in der patriarchalen Gesellschaft jedoch immer die Frauen sind, die wahnsinnig viel Verständnis für die Männer auf- bringen. Andersherum aber eben nicht, weil das Patriarchat das so geformt hat.
Umso wichtiger ist es, dass bei den Männern ankommt, dass die Wechseljahre ein Teil des Daseins der Frauen sind. Sie müssen sich nicht dafür interessieren, aber sie müssen sie wahrnehmen. Ich finde es immer noch unglaublich, wie Angela Merkel als Kanzlerin für ihr Aussehen fertiggemacht wurde. Über die Optik der Männer in der Politik schreibt nie jemand.
Maren Kroymann hat schon 2010 in Doris Dörries Fernsehserie „Klimawechsel“ mitgespielt. Sie sagt, seit sie das Klimakterium hinter sich habe, sei sie gesellschaftlich gesehen jenseits von Gut und Böse und könne machen, was sie wolle. Wieso befreit die Menopause?
HABERLANDT: Man fällt aus dem Wettbewerb der fruchtbaren Frauen heraus, so traurig diese gesellschaftliche Realität auch ist. Ich glaube, da entfällt ein großer Performancedruck.
DROSTE: Naomi Watts hat das Wort „Fuckability“ in ihrem Buch geprägt. Das Label, ob man „fuckable“ ist oder nicht, ist so demütigend für Schauspielerinnen und sicher gibt es das auch in der deutschen Filmbranche. Deswegen finde ich super, dass Kroymann sagt, sie sei jenseits von Gut und Böse. Ich sehe in unserer Branche immer mehr Frau- en, die sich operieren lassen. Da gibt es dann in Filmen endlich große Rollen für 50-jährige Frauen, die aber aussehen müssen wie 30.
Sie beide sind als Schauspielerinnen aber auch schlank und haben kann einziges graues Haar.
DROSTE: Doch, ich habe ganz viele.
HABERLANDT: Natürlich kenne ich die Maßtabelle, die angelegt wird. Genau- so wie die Hauptfigur in Miranda Julys Roman und sie selber, wenn man ihr auf Social Media folgt. Das Äußere ist wichtig, aber Meike und ich sind nie Schauspielerinnen gewesen, die für ihre Schönheit besetzt werden.
Trotzdem hat es immer an mir genagt, dass ich nicht normgemäß aussehe.
DROSTE: Wir haben als Künstlerinnen die Verantwortung dafür, welche weiblichen Körperbilder wir in die Welt setzen. Mir ist wichtig, dass wir als Frauen, als Schauspielerinnen, auch ehrlich unseren Reifungsprozess zeigen können, sowohl äußerlich als auch innerlich. Aber der Mainstream bildet nach wie vor mehrheitlich das Gegenteil ab: Frauen Ende 50 sollen aussehen wie Anfang 30 und sich auch so verhalten.
Miranda Julys Romanheldin wirft die körperliche Scham und ihre Bedenken der Familie gegenüber über Bord und lebt ihr sexuelles Begehren. Ist das ein erstrebenswerter Zustand?
DROSTE: Mir gefällt, dass sie sich trotz innerer Zweifel einfach traut, zu sagen und zu machen, was ihr gefällt. Das ist extrem erstrebenswert. Alle Menschen sollten ihren inneren Kritiker viel öfter überlisten und einfach leben, hier sein, die anderen spüren, sexuelle Befriedigung gehört dazu.
HABERLANDT: In dieser Lebensphase fragt man sich doch: Lebe ich das Leben, das ich leben will? Darum geht’s.
Ist diese ganze Selbstbefreiungs-Schönrednerei der Peri- bis Postmenopause nicht nur eine Ablenkung von der Sterblichkeit?
DROSTE: Jedem Menschen wird mit 40, 50 die Endlichkeit des Lebens bewusst, weil man eventuell den größten Teil des Lebens hinter sich hat. Frauen leben mehr als 30 Jahre mit einer monatlichen Reinigung. Uns wird jeden Monat aufs Neue bewusst, dass wir etwas losgelassen, uns gewandelt haben. Aufs Loslassen und die Sterblichkeit sind wir biologisch vorbereitet.
HABERLANDT: Der größte Schmerz ist vielleicht, dass wir erfahren müssen, dass Beziehungen, Bindungen keine Garantie für ein gelingendes Leben sind. Jeder lebt und stirbt für sich allein.
Sie arbeiten in einer jugendverliebten Branche. Ist Ihr Theaterstück auch eine Reaktion darauf, dass Schauspielerinnen ab 40 aus Filmen, Fernsehserien oder von der Bühne verschwinden?
HABERLANDT: Wenn ich mich von Film und Fernsehen abhängig machen würde, wäre die Lage düster. Deswegen versuche ich, mir ein Netz übers Theater zu bauen.
DROSTE: Die Produktion ist auch aus dem Gefühl entstanden, als Künstlerinnen handlungsfähig sein zu wollen und gleichberechtigte Arbeitszusammenhänge zu schaffen.
HABERLANDT: Man verdient weniger und trägt mehr Verantwortung, aber das gefällt mir. Halten Sie Altern auf der Bühne und im Leben für einen Fluch oder für einen Segen?
HABERLANDT: Was waren eigentlich die Vorteile der Jugend? Ach ja, man musste weniger mit den Kräften haushalten. Dafür verfüge ich jetzt über mehr Souveränität.
DROSTE: Schön ist, dass die Gelassenheit wächst. Ich spüre eine größere menschliche Kraft.
rbb
Vom Mythos der Libido-Klippe
Barbara Behrendt | 13.02.2026
Theater "Auf allen vieren" in Berliner Sophiensælen Vom Mythos der Libido-Klippe
Audio: radio3 vom rbb | 13.02.2026 | Meike Droste im Gespräch mit Frank Meyer | Sophiensaele Berlin
Dass die Ich-Erzählerin in Miranda Julys Roman "Auf allen vieren" auf einen dreiwöchigen Roadtrip von der Westküste an die Ostküste aufbricht, hat lediglich mit einer Party-Konversation zu tun. Da hat ihr Ehemann die Menschen nämlich in "Fahrer" und "Einparker" eingeteilt. Fahrer – das sind die, die ganz im Moment und bei sich sein können. Einparker dagegen arbeiten auf die eine komplizierte Situation hin. Und wollen dafür Applaus: "Bravo, sagt vielleicht jemand, nachdem sie den Wagen in eine besonders enge Lücke manövriert haben. Tolle Leistung. Die restliche Zeit langweilen sie sich und sind in erster Linie enttäuscht. Langstreckenfahrten sind nichts für Einparker.“
Einparkerin versus Fahrerin
Um sich von einer "Einparkerin" in eine "Fahrerin" zu entwickeln, also zu einem geerdeten Menschen ganz im Hier und Jetzt, setzt sich die 45-jährige Künstlerin (Steckbrief: verheiratet, ein Kind, routinierter Sex, viel grauer Alltag) ins Auto nach New York.
Weit kommt sie allerdings nicht. Nach 20 Minuten Fahrt hält sie an einer Tankstelle – und verknallt sich in den 31-jährigen Davey, der ihre Scheiben wischt. Sie mietet sich in ein Motel ein, lässt es für 20.000 Dollar von Daveys Frau zu einem "room of her own" luxuriös umgestalten - Virginia Woolf lässt grüßen - und beginnt eine intime Liaison mit Davey – bei der alles erlaubt ist, außer Sex. Zum Beispiel der Wechsel eines Tampons: "Er zog noch einmal lange und gleichmäßig, bis der Tampon langsam ans Licht kam, und atmete mir dabei schwer ins Ohr. Er hielt den Tampon am Faden hoch, dieses fast schwarze Wesen aus Mittelerde.“
Balztänze und fantasievolle Bilder
Wie zwei weiße Turteltauben flattern die Schauspielerinnen Maike Droste und Fritzi Haberlandt auf der Bühne der Berliner Sophiensäle als das verhinderte Paar umeinander und führen einen absurd komischen Balztanz auf. Immer wieder rettet die Inszenierung von Sabine Auf der Heyde und Holle Münster den selbstironischen, pointierten Ton des Romans auf die Bühne und kleidet die Szenen in fantasievolle Bilder.
Ein solch unkonventioneller, witziger, gesellschaftspolitischer "Wechseljahre-Roman" wie dieser hat lange gefehlt. Kein Wunder, dass Miranda Julys "Auf allen vieren" 2024 dann sowohl in den USA als auch in Deutschland frenetisch gefeiert wurde. Die von vielen Theatern schwer umkämpften deutschen Uraufführungsrechte hat sich das Berliner Frauen-Quartett um Fritzi Haberlandt, Maike Droste, Sabine Auf der Heyde und Holle Münster gesichert. Die 400 Romanseiten haben sie auf 32 verdichtet – und trotzdem die groben Handlungsstränge beibehalten.
Ein lila-gelbes Barbiehaus
Fliederfarben und quietschgelb sind die beiden Wände, die das Motelzimmer auf der Bühne andeuten, aber auch das Bett in der Bühnenmitte ist lila, die Kissen sind gelb, die Kostüme beides (Ausstattung: Hanna Roxane Scherwinski). Um das Zimmer herum stehen weitere flieder-gelbe Betten für die Zuschauenden bereit, die dann auch mal Fritzi Haberlandts Beine halten müssen, wenn sie den Besuch bei ihrer Gynäkologin spielt. Oder kurz von den Kissen verscheucht werden, wenn später, was für eine zärtlich-schöne Szene, unter der Matratze ein Schaumbad freigelegt wird, in dem die Protagonistin und eine deutlich ältere Frau den Sex ihres Lebens haben.
Ein immersiver Raum ist das, bewohnt von Publikum und Darstellerinnen. In artifiziellem Barbie- Ambiente, immer wieder getragen von Herzschmerz-Songs und augenzwinkerndem Kitsch. Etwa, wenn Fritzi Haberlandt zur Ukulele greift und eine schmachtende Version von "I wanna dance with somebody" krächzt. Oder wenn die Musikerin Sarah Taylor Ellis den wunderbaren Lovesong „The Book of Love" von Magnetic Fields anstimmt.
Blumenwiesen und Schnecken-Sex
Dazu werden auf den lila Barbiehaus-Wänden künstliche KI-Bilder eingeblendet – eine bunte Blumenwiese, wenn's ums Verliebtsein geht. Schleimige Schnecken in den Sexszenen. Natürlich geht es hier nicht vorwiegend um Männer oder das Verliebtsein. Miranda July beschreibt mit ihrer Ich-Erzählerin eine intime, sexy, schamfreie Reise durch die Peri-Menopause, als wäre man ihre
beste Freundin. Sie verabschiedet mit ihrer leicht narzisstischen, mädchenhaften Protagonistin zahlreiche Mythen über das angebliche Ende der begehrenswerten Frau jenseits der 40 und zeigt mit viel Komik und Liebe, was dieses Alter wirklich bedeuten kann: ein Neustart in die bessere Lebenshälfte. Auch wenn der Schock über die angeblich steil abfallende Libido-Kurve Mitte 50 schwerwiegt: "Wir stürzen jeden Moment von einer Klippe! In ein paar Jahren sind wir andere Menschen!" Kein Wunder, denkt die Ich-Erzählerin, dass ihre Großmutter sich mit 55 Jahren aus dem Fenster gestürzt hat, als die grauen Haare zu viel wurden.
Mitreißend und herzerwärmend
Fritzi Haberlandt und Maike Droste spielen die Ich-Erzählerin voller Witz und Körpereinsatz, mit all ihren inneren Dialogen – so, wie sich auch die Frau im Buch in einem steten Selbstgespräch befindet. Ein mitreißend und herzerwärmend komisches Duo, das gemeinsam auch mal über kleine Laufbänder auf der Bühne tanzt.
Womöglich übertreibt der Abend ein wenig das Teenagerhafte dieser Frau Mitte 40. Mitunter kann einem die emotional gebeutelte Nervensäge leicht auf den Zeiger gehen. Doch dass hier keine toughe Emanze porträtiert wird, sondern ein exzentrischeres Frauenbild um Akzeptanz kämpft, ist eben auch Teil des Roman-Konzepts. So plädiert dieser pointierte, rührende Abend für Sinnlichkeit und Selbstakzeptanz jenseits der 40. Und zeigt nebenbei, wie sich Frauen in einer Welt durchschlagen, die sie hinter dieser Altersgrenze bislang unsichtbar gemacht hat.
taz
Bühnenfassung von „Auf allen vieren“
Die Frau an der Klippe
Von Beate Scheder | 14.2.2026
Ein vierköpfiges Frauenkollektiv hat Miranda Julys Roman „Auf allen vieren“ in den Sophiensaelen in Berlin uraufgeführt. In den Hauptrollen: Fritzi Haberlandt und Meike Droste.
Dieses Diagramm. Zwei Linien, projiziert auf die Wände des Bühnenbildes. Die eine pink, die andere blau. Sie steigen an, führen erst in ähnliche Richtung, umschlängeln sich, bis sie sich entzweien. Urplötzlich. Die namenlose Frau starrt sie an, mit halboffenem ungläubigem Mund, läuft näher heran, entfernt sich wieder, ohne den Blick abzuwenden.
Die beiden Kurven stehen für die Sexualhormone Östrogen und Testosteron, zeigen an, wie viel davon der weibliche bzw. männliche Körper im Laufe des Lebens produziert. Während die Testosteron-Linie ab Mitte 20 ganz sanft, dann ab Ende 40 etwas stärker, aber nie in bedrohlichem Winkel nach unten weist, knickt die Östrogen-Linie im mittleren Alter ab. Von jetzt auf gleich, geht's steil bergab. „Wir stürzen jeden Moment von einer Klippe. In ein paar Jahren sind wir völlig andere Menschen“, so erklärt es die Ich-Erzählerin im Roman „Auf allen vieren“ in einer Schlüsselszene ihrer Freundin Jordie und so sagt sie es – verkörpert von Fritzi Haberlandt und Meike Droste – auch in der Bühnenfassung, die am Donnerstag in den Berliner Sophiensaelen uraufgeführt wurde.
Fast zwei Jahre ist es her, dass Miranda July ihren autofiktionalen Roman „All Fours“ (dt. „Auf allen vieren“) veröffentlichte und hohe Wellen schlug. Er handelt von einer Frau in der Perimenopause, jener Phase, die den Wechseljahren vorausgeht. 45 ist sie zu Beginn, Künstlerin, verheiratet, Mutter. Alles ist irgendwie in Ordnung, aber komplett durchroutiniert, der Sex mit dem Gatten, das Wannenbad mit dem Kind. Sie wartet auf eine Art Wendepunkt, einen Durchbruch.
Monrovia statt New York
Den wird sie auch erleben, nur anders als erwartet. Vorher begibt sie sich auf einen Roadtrip, der von Los Angeles nach New York führen soll, aber unversehens im nahgelegenen Monrovia endet. Dort verknallt sie sich in einen jüngeren Mann, lässt sich ein schäbiges Motelzimmer von dessen Frau umgestalten, kehrt wieder zurück, aber nicht so ganz, sucht und findet sich auch, nicht zuletzt in sexueller Hinsicht. Das alles erzählt July, wie sie das eben kann, ziemlich komisch und verschroben sexy.
Die deutschen Bühnenrechte hat die US-Autorin kürzlich, das passt hübsch ins Narrativ, nicht an ein großes Haus, sondern ein unabhängiges Frauenkollektiv bestehend aus den genannten Schauspielerinnen und den Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster vergeben. Die Berliner Termine waren in kürzester Zeit ausverkauft. Im März ist das Stück im Theater im Pumpenhaus Münster und im Théatres de la Ville de Luxembourg zu sehen.
Mehr als 400 Seiten Roman haben die vier auf zwei Stunden Theater heruntergekürzt, ohne auf allzu viele Handlungsstränge zu verzichten. Das funktioniert, eingedampft auf seine Essenz verliert der Text aber doch etwas. Kaum Platz bleibt für all die irren Wendungen. Weich geschliffen wirken Ecken und Kanten, als hätten man auch sie mit einer der fliederfarbenen Steppdecken des pastellfarbenen Bühnenbildes übergezogen.
Großen Spaß macht es aber, dem Duo Haberlandt-Droste zuzuschauen. In Kostümen, die aus Julys persönlichem Kleiderschrank stammen könnten – Hotpants und hohe Stiefel, fluffige Blusen und knappe Bodys, Schleifen, Chiffon, Rüschen – tanzen, singen und turnen sie umeinander. Palavern und kommentieren sich. Verkörpern die innere und äußere Stimme der Erzählerin. Schlüpfen kurzfristig auch in andere Rollen, werden immer wieder zu Freundin Jordie. Das restliche Personal hingegen, sogar jener Typ aus Monrovia verschwindet fast. Im Fokus steht allein sie, die Frau an der Klippe.
der freitag
Fliederfarbene Freiheit: Miranda Julys „Auf allen vieren“ in den Sophiensaelen
Freitag.de | Eva Marburg | 16.02.2026
Sabine Auf der Heyde und Holle Münster inszenieren Miranda Julys Erfolgsroman von 2024 in Berlin. Ist das Theaterstück mit Fritzi Haberlandt so dringlich und fulminant wie die literarische Vorlage?
Seit einer sehr langen Zeit werden das Innenleben und der Körper der Frau von Männern zugerichtet, imaginiert und interpretiert. Vom Scheiterhaufen bis zur Literatur, von der Nervenheilanstalt bis zum Film, vom Kreißsaal bis zum Theater. Frauen bleiben dadurch Fremde auf dieser Welt, die sich nicht zu Hause fühlen in einer Welt, die aus Bestimmungen daraus besteht, wer oder was sie zu sein haben.
Als 2024 der Roman Auf allen vieren der US-amerikanischen Allroundkünstlerin Miranda July erschien, schlug er ein wie ein Bewusstseinsgewitter in dieses allumfassende Fremdheitsgefühl. Das Buch fand auf einmal eine Sprache für das innere Toben und die unruhige Gewissheit von Mittvierzigerinnen, dass die Rollenangebote der Heteronormativität einfach nicht genug waren für Frauen mit einer „wanderlustigen Seele“.
Julys namenlose Erzählerin in der Perimenopause begibt sich, um ihrem Mann Durchhaltevermögen zu beweisen, auf einen Roadtrip durch die USA; verliebt sich kurz hinter L.A. in einen jüngeren Mann, mit dem sie in ei- nem eigens eingerichteten Motelzimmer und Liebesnest drei Wochen intensive Intimität und Nähe erlebt. Nach ihrer Rückkehr verzweifelt sie an der Unvereinbarkeit ihres Verlangens mit dem Ehe-Dasein und geht eine radikale Selbsttransformation ein. „Frauen überdenken Ehe und Familienleben wegen Miranda July“, beschrieb die New York Times damals das literarische Phänomen.
Offenheit für eine intime Erzählung
Den persönlichen Zuschlag von July für die deutschsprachige Uraufführung bekam das Team um die Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster zusammen mit den Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste. Die Vorstellungen an den Berliner Sophiensaelen waren restlos ausverkauft.
Erwartungsvoll strömte das Publikum – gefühlt 90 Prozent Frauenanteil – in den Saal, bereit, sich zu einer Trennung vom Ehemann anstiften zu lassen. Fliederfarbene Liegewiesen und Betten sind zwischen den Zuschauerreihen auf- gebaut; die Spielerinnen in gelben Trikots und lila Stiefeln umarmen zur Begrüßung ihre Freund:innen, alles atmet Nähe und Gemeinschaftlichkeit.
Es geht nicht ums Theater, sagt die-se Atmosphäre, es geht um Offenheit für eine intime Erzählung. Der Roman lebt von ungehemmter Artikulation: die Lügen gegenüber dem fremd er- scheinenden Ehemann; die einen zerreißenden Muttergefühle; Masturbation und Tagträume; das gedeckelte und schambesetzte Verlangen und Begehren nach anderen Körpern oder die Erfahrung, wie der junge Liebhaber den Tampon aus der Vagina zieht, dieses „fast schwarze Wesen aus Mittelerde“, bis zum Sex mit einer älteren Frau und wie es ist, „den Finger durch ihre nasse Ritze zu ziehen“.
Von vorne beginnen
Die beiden Schauspielerinnen treffen den das alles zusammenhaltenden schrägen Humor von Miranda July. Im Zwiegespräch, das die innere Reflexion widerspiegelt, entdecken und bestaunen sie ihr Innenleben und springen erzählerisch in alle Rollen und Situationen. Für diese haben die vier beteiligten Künstlerinnen passend kuriose Übersetzungen gefunden: Die Intensität des Verliebtseins wird als intensiv-zärtlicher Balztanz von zwei Vögeln (ja, genau) inszeniert.
Der Liebestanz für den sich verabschiedenden Geliebten, der ihm „direkt in den Schwanz“ gehen soll, ist ein halber Liebestod auf einem Fitness-Laufband. Die Musikerin am Rand spielt dazu süß- schwere Popsongs auf dem Klavier oder der Ukulele ein.
Die Adaption schafft es so auf sehr be- rührende Weise, hier für Frauen ein großes „Zimmer für sich allein“ zu kreieren, das bereits Virginia Woolf vor 100 Jahren in ihrer Perimenopause als Überlebensbedingung im Patriarchat aus- machte. Anscheinend ist es so, dass je- de Generation von Frauen immer wieder von vorne anfangen muss.
DIE ZEIT
"Auf allen vieren" von Miranda July: Das Theater mit den
Wechseljahren…
Jolinde Hüchtker | 19.02.2026
Das Theater mit den Wechseljahren
Ein Roadtrip von Los Angeles nach New York endet gleich an der ersten Tankstelle, wo die Erzählerin einen Mann kennenlernt und im nächsten Motelzimmer eine Affäre mit ihm beginnt. Obwohl Affäre es nicht wirklich trifft, es ist ein beinahe spirituelles Erlebnis, ein spektakuläres Verlangen. Und hier beginnt die Geschichte erst, denn es geht nicht nur um Sex, sondern natürlich auch um das Leben und das Sterben und vor allem: um das Älterwerden als Frau. Auf allen vieren von Miranda July war der Roman des Jahres 2024 – und das erste große Werk über die Wechseljahre. Es folgte so etwas wie ein
kultureller Menopausen-Boom. Die Welt hatte die Frau über 45 entdeckt.
Nun kommt dieser atemlose Bestseller ins Theater. Und wo feiert er Weltpremiere? Nicht am Londoner National Theatre oder am Wiener Burgtheater, sondern in den Sophiensælen, einer freien Spielstätte in Berlin, gespielt und inszeniert von vier Frauen, die so noch nie zusammengearbeitet haben: den Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste und den Regisseurinnen Holle Münster und Sabine Auf der Heyde. Dass sie die Rechte an der begehrten deutschen Uraufführung bekommen haben, ist "total irre", sagen sie selbst. Was machen sie daraus für ein Stück, das nach nur wenigen Stunden
ausverkauft war?
Ein Mittwoch im Januar, zwei Wochen vor der Premiere. Die Probebühne liegt in einem Hinterhof im Berliner Ortsteil Weißensee, sie ist kleiner als der Saal der Sophiensæle, aber groß genug für das Bühnenbild: fliederfarbene Betten aus Steppdecken, zwei Laufbänder, eine riesige Kuscheltierschlange. Gerade schlürft ein Staubsauger den Schaum aus einer pinken Badewanne. Haberlandt zieht sich wieder an, Strumpfhose, schwarzer Wollpullover. "Kennst du die krasse Sexszene im Buch? Wir haben hier gerade mal was probiert", sagt ihre Schauspielkollegin Droste, ihre Haare sind noch nass, sie hält eine Tasse Kräutertee in der Hand. Es sei das erste Mal, dass sie jemanden so früh bei den Proben zusehen lasse, sagt Haberlandt, das sei so intim.
Fritzi Haberlandt ist eines der großen deutschen Fernsehgesichter und oft an renommierten Staatstheatern zu sehen. Auch Meike Droste kennt man eher aus den Münchner Kammerspielen, dem Berliner Ensemble oder der Serie Mord mit Aussicht. Aber diese Produktion hier sollte sein, unbedingt. Auch, weil dieses Stück mit ihnen selbst zu tun hat, als Frauen im sogenannten mittleren Alter. Sie spielen beide die Hauptfigur und alle anderen Rollen.
Auf allen vieren handelt von einer Künstlerin, die mit 45 Jahren ausbricht. Sie lässt ihren Mann und ihr Kind für einige Wochen zurück, verliebt sich in diesen Kerl an der Tankstelle und renoviert für 20.000 Dollar ein gewöhnliches Motelzimmer in dem Vorort von Los Angeles, in dem er lebt. Zurück zu Hause, erklärt ihre Gynäkologin, dass ihr die Menopause bevorsteht, dass ihr Östrogenspiegel radikal absinken wird und sich alles verändern könnte.
Auf der Probebühne reckt Fritzi Haberlandt jetzt ihr Kinn in die Luft und sagt: "Ich komme in die Wechseljahre." Und obwohl die zwei Regisseurinnen, die Musikerin, die Choreografin, dieTechnikerinnen, die Bühnenbildnerin die Szene schon kennen, müssen sie laut lachen: Droste spielt die Gynäkologin und hantiert mit einem riesigen Metalllöffel als Spekulum in der Luft herum. Aber als die Musikerin auf dem E-Piano gerade den Perimenopause-Shuffle spielt, sagt die Regisseurin Auf der Heyde: "Versucht mal, hier die Comedy komplett rauszunehmen.“
Haberlandts Gesicht ist riesengroß auf die Wand projiziert, die wachen blauen Augen mit den kleinen Falten drumherum, sie schaut entsetzt. Über die Wand läuft eine Liste von Symptomen: Schlafstörungen, Gedächtnisprobleme, verminderte Libido. Es ist ganz still. Dann knallt es hinter der Bühne, der riesige Metalllöffel ist umgefallen, und wieder lachen alle.
Älter werden, und alle schauen zu
Die Schauspielerinnen Haberlandt, 50, und Droste, 46, wissen, wie das ist: älter werden, und alle schauen zu, auf der Bühne, auf dem Bildschirm. Wenn man nicht mehr aussieht wie eine 30-Jährige, werden die Angebote rar. Auch sogenannte Charakterdarstellerinnen sollen bitte nett anzugucken sein, möglichst sogar ein bisschen fuckable, und wer das wann ist – nun ja, das definiert noch immer dieser sagenumwobene männliche Blick, der sich ganz urtümlich an der Biologie orientiert (Fruchtbarkeit, hot!). Das haben wir schließlich über Jahrhunderte eingeübt.
"Für mich war das immer so ein Schatten", sagt Haberlandt nach der Probe. "Auch wenn ich nie von einem Beauty-Face gelebt habe." Und dann sagt sie, die zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen des Landes gehört: "Ich bin eigentlich immer überrascht und dankbar, wenn mich überhaupt jemand anfragt, weil ich damit gar nicht mehr rechne. Weil ich eben nicht denke, dass mit 50 Jahren die interessanten Rollen kommen, sondern: Hoffentlich fällt jemandem zu diesem anscheinend schwierigen Zustand ein Thema ein." Dabei sei dieser Zustand gar nicht schwierig, sagt Droste: "Jetzt spüre ich so eine Stärke und Tiefe und Gelassenheit. Ich habe langsam mal eine Ahnung, wer ich überhaupt sein könnte und wie ich leben will.“
Und darum geht es ja auch in diesem Stück: dass es mit den Wechseljahren noch nicht vorbei sein muss, weder mit der Libido noch mit dem Leben. Deswegen spielt die Musikerin für die nächste Szene Don’t Stop Me Now auf dem E-Piano, die Schauspielerinnen sprechen ihren Text, der lautet, dass jetzt nur noch eines helfe: bahnbrechend guter Sex in diesem Motelzimmer. "I will survive", ruft die Regisseurin Münster rein, "das ist eure Ansage gegen den Tod. Spielt das mal kämpferischer." Dann ist Feierabend, thank you for throwing yourself volle Lotte in den Schaum", sagt Auf der Heyde in ihrem fröhlichen Mix aus Deutsch und Englisch.
Wenn die Regisseurinnen von ihrem Stück erzählen, benutzen sie oft diese abstrakten Theaterbegriffe: Dialog, Immersion, Brückenbauen. Was man später auf der Bühne sehen wird, ist viel direkter. Sie haben aus dem Roman eine poppige, pastellfarbene Inszenierung gemacht, die den Humor der Autorin einfängt. Droste und Haberlandt spielen die Hauptfigur exzentrisch und selbstironisch, mit Ukulele in der Hand und wippendem Pferdeschwanz. Manchmal wird es beinahe zu albern, denn das Stück beginnt ja als tieftraurige Geschichte: Eine Frau fühlt sich in der eigenen Familie nicht mehr so, wie sie wirklich zu sein glaubt. Es wird ein Abend, an dem auf der Bühne mehr als zwei Stunden beinahe ununterbrochen geredet wird – aber was will man auch sonst machen bei einem so grandiosen Text.
Miranda July ist ein Star. Schon bevor der Roman erschien, soll das erste Gebot für die Uraufführungsrechte bei ihrer Agentur eingegangen sein, erzählen die Regisseurinnen. Ihre Bewerbung habe Julys Agent "very compelling" genannt, "sehr vielversprechend": unabhängiges Off-Theater auf Tour – Berlin, Luxemburg, Münster und die Ruhrfestspiele in Recklinghausen – und "ein Verbund von Frauen mit Lust auf Frauenstoff". Aber viele hätten um die Rechte gebuhlt, auch große Stadttheater mit mehr Geld. Solche Rechte würden quasi versteigert. Wer sie sich sichern wolle, müsse nicht nur mit einem Konzept überzeugen, sondern auch das höchste Gebot zahlen. "Wir dachten: Game over", sagt Auf der Heyde.
Während die vier Frauen auf eine Förderzusage vom Hauptstadtkulturfonds warteten, fanden sie jedoch jemanden in Hollywood, der Miranda July persönlich kannte, und schickten ihr eine PowerPoint- Präsentation mit einem abgefilmten Zoom-Gespräch, in dem sie sich gegenseitig fragen: Wofür schämst du dich? Was magst du an deinem Körper? Was würdest du mit 20.000 Dollar anstellen? Vielleicht muss man sich manchmal ein wenig nackt machen – besonders wenn man es mit einer Künstlerin zu tun hat, die das selbst tut. July scheint es gefallen zu haben. Im Dezember 2024 sagte ihr Agent ihnen zu. Inzwischen arbeitet ein 13-köpfiges Team an diesem Stück, Männer sind keine dabei.
Hormonabfall wie eine Steilwand
Zwei Tage vor der Premiere. Der erste Durchlauf findet direkt vor Publikum statt, in den Sophiensælen. Zwischen den Sitzreihen stehen Betten. "Mitmachtheater", sagt Droste, "im Deutschen Theater funktioniert das vielleicht nicht, bei uns schon." Aber erst will sich niemand auf diese Betten setzen, als ahnten alle, dass die Schauspielerinnen später neben ihnen auf der Matratze herumhüpfen würden. Dass, wer dort Platz nimmt, gleich Haberlandts Beine festhalten muss, während sie sich zurücklehnt wie auf dem Gynäkologie-Stuhl.
Aus der Szene, in der Haberlandt die Menopausen-Symptome liest, wurde der riesige Löffel gestrichen. Das Testpublikum lacht trotzdem. Es ist ja auch absurd: dieser Hormonabfall wie eine Steilwand, die körperlichen Veränderungen, über die Männer meist kaum etwas wissen, aber auch Frauen selbst vorher oft nur gehört haben, dass die Periode aufhört und man Hitzewallungen bekommen kann. Und meist nicht, dass manchmal auch Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen damit zusammenhängen. Die Forschung dazu ist global unterfinanziert – es geht ja bloß um Frauen, die nicht mehr gebären. Auch deswegen war der Roman Auf allen vieren so erfolgreich: Die Leerstelle war riesengroß. Und gefüllt ist sie noch immer nicht.
Am Abend der Premiere können die beiden Regisseurinnen nicht hinsehen. Während die
Schauspielerinnen auf der Bühne die erotische Spannung in einen Balztanz mit flatternden Händen übersetzen, sitzen sie in einem Nebenraum, und die eine lackiert der anderen die Nägel. Aus den 416 Seiten des Romans haben sie ein 31-seitiges Skript gemacht, das vor expliziter Sprache nicht zurückschreckt. Da geht es um dunkelbraun gefärbte Tampons, um heißen Urin auf der Haut, um ganze Hände im Mund oder sonst wo. Aber sie haben Bilder gefunden, die nicht pornografisch sind, sondern humorvoll und manchmal tatsächlich sinnlich: In der Badewanne, wo die "krasse Sexszene" stattfinden soll, die für die Hauptfigur alles verändert, streichen sich die Schauspielerinnen gegenseitig Schaum um den Körper, als würden ihnen daraus ganz neue Beine, Schultern, Brüste wachsen, als würden sie einander erst in diesem Moment erschaffen. Sex ist hier nicht bloß Sex, sondern ein Platzhalter für die Freiheit und das Versprechen, dass man sie sich immer wieder neu erkämpfen kann.
Dieses Stück nimmt einen mit in das wahnwitzige und endlose Projekt des Frauseins, bis man irgendwann auch einen Roadtrip zu sich selbst machen will, ein Motelzimmer für sich allein finden und niemals aufgeben. Vielleicht werden nach diesem Theaterabend einige Affären begonnen oder Ehen geöffnet. Miranda July würde das sicherlich gefallen.
Süddeutsche Zeitung
Wie schön das flirrt
Miranda Julys Roman „Auf allen vieren“ ist in den Berliner Sophiensälen zu sehen, mit Fritzi Haberlandt und Meike Droste. Eine Umarmung der Wechseljahre und des Lebens jenseits der 40.
Von Peter Laudenbach, 13. Februar 2026
Das ist natürlich schon mal eine coole Geste der künstlerischen Autonomie: Zwei gefeierte Schauspielerinnen sichern sich zusammen mit zwei befreundeten Regisseurinnen vor allen anderen Theatern die Aufführungsrechte am jüngsten Roman der feministischen Pop-Ikone Miranda July, „Auf allen vieren“. Jetzt zeigen die beiden Theaterstars Meike Droste und Fritzi Haberlandt und die Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster ihre Kollektivproduktion in den Berliner Sophiensälen, also in der Freien Szene. Freundlicher und lässiger könnten die Künstlerinnen nicht zeigen, was Souveränität und Unabhängigkeit bedeuten.
„Ich hatte in dem Beruf immer schon Schwierigkeiten mit den großen Abhängigkeiten. Als Spielerinnen brauchen wir immer jemanden, der uns etwas zutraut und uns Rollen gibt. Mit dieser Produktion ist es befreiend und schön zu sagen: Wir wissen, was wir wollen, und wir setzen das um“, sagt Meike Droste am Tag vor der Premiere. Sie hat sich Zeit für ein längeres Gespräch mit der SZ genommen, um zu erzählen, weshalb ihr das Projekt so wichtig ist und weshalb sie von der Bühnenbildnerin Hanna Roxane Scherwinski bis zur Dramaturgin Carolin Losch und der Musikerin Sarah Taylor Ellis nur Frauen in ihr kleines Theaterkollektiv eingeladen haben: „Was ist denn ei- gentlich der weibliche Raum? Wie ist es, wenn wir einen künstlerischen Prozess beginnen, an dem nur Frauen beteiligt sind? Das ist schon sehr anders, muss ich sagen, weil man bestimmte Themen in einem reinen Frauenteam ganz anders besprechen kann. Wichtig ist, dass man versucht, etwas von sich herzuschenken und zu schauen, wie wir das erzählen können, was uns wichtig ist.“
Frauen ab vierzig werden im Theater immer noch aussortiert Das passt hervorragend zu Miranda Julys flirrendem, sexuell relativ explizitem Roman. July erzählt von einem kalifornischen Selbstentdeckungstrip einer Frau in den mittleren Jahren, von der schönen und überraschenden Begegnung mit queerer Lust und von Sexfantasien mit einem jun- gen, etwas minderbemittelten Lover, in denen warm dampfender Urin und ein liebevoll entfernter Tampon entschieden für Lustgewinn sorgen – Höhepunkte im Zimmer Nummer 321 eines billigen Motels. Das ist eine etwas krasse, aber irgendwie auch naheliegende Antwort auf die Frage, was das Leben noch zu bieten haben könnte, wenn die Jugend vorbei ist und sich der Familienalltag langsam wie ein gut gepolsterter Sarg anfühlt. Die Fremdheit gegenüber ihrem alten Leben stellt Julys Protagonistin kurz vor ihrem Ausbruch nüchtern fest: „Ich versuche, den größten Teil meines Selbst aus dem Familienleben herauszuhalten.“
Angetrieben wird ihr Schub von Lebensgier und der Entscheidung, sich wieder um dieses abgespaltene Selbst zu kümmern statt um die Sandwiches für das Kind, auch von der nagenden Panik angesichts der nahenden Menopause. Fritzi Haberlandt und Meike Droste vermessen dieses Le- benskrisengebiet in ihrer Aufführung auf sehr lustige und coole Weise und so, als würden sie im- mer ein wenig amüsiert darüber staunen, was das Leben wohl als Nächstes an Überraschungen und Gefühlssensationen parat hat. Weil älter zu werden eine ziemlich persönliche Erfahrung ist, aber auch eine, die wir alle machen, spielen die beiden Schauspielerinnen gemeinsam die kalifor- nische Selbstentdeckungskünstlerin: Wenn es gut läuft, bin ich selbst auch meine beste Freundin.
Ganz nebenbei ist die Aufführung in den Sophiensaelen auch eine Antwort auf den Sexismus im Theater- und sonstigen Showbetrieb, der Frauen ab vierzig immer noch in routinierter Altersdiskriminierung aussortiert. Neben den heiteren Sexfantasien, der Wut über das Absinken der Östrogenkurve und dem Misstrauen gegenüber dem etwas ranzig gewordenen Familienleben sind es die alten, noch lange nicht erledigten Fragen im Spannungsfeld von Geschlechterverhältnis und Kunstproduktion, die die Inszenierung antreiben. „Welche Bilder von Weiblichkeit werden im Theater, in den Mainstream-Produktionen von Film und Fernsehen erzählt? Und welchen Anteil haben auch wir Frauen daran?“, sagt Meike Droste im Gespräch. „Was zeigen wir als Spielerinnen für Frauen, wenn wir eine Rolle spielen, wie viel Fassade, wie viel Ehrlichkeit, wie viel Schönheit, wie viel Hässlichkeit?“ Gute, harte Fragen. Gefälligkeitsfassaden hat diese Inszenierung entschieden nicht nötig. Dafür gibt es ein Schaumbad der Befreiung, nach dem nichts mehr ist wie davor.
Frankfurter Allgemeine
THEATERPREMIERE BERLIN
Witzige Wechseljahre
Von Irene Bazinger 24.02.2026
Zwei Berliner Bühnen adaptieren Romane von Miranda July. Die Inszenierungen beleuchten feministische Perspektiven mit Humor und Tiefgang. Von Wechseljahresromanen kann keine Rede sein.
Nimmt jemand Anstoß daran, wenn ein Mann aus dem Ruhrgebiet Fan von Borussia Dortmund wird? Natürlich nicht. Aber was sollen Frauen tun, die im Theater textlich und spiegelbildlich nach ihrem BVB suchen, um sich damit identifizieren, um mitfiebern und mitleiden zu können? Höchst unwahrscheinlich, dass sie bei klassischen Dramen fündig werden. Aus dem historischen Kontext heraus gelesen, ist da niemandem ein Vorwurf zu machen, Männer hatten eben lange das Kommando auf der Bühne und auch sonst.
Wenn sich das inzwischen mancherorts geändert hat, heißt das keineswegs, dass frühere Generationen Unrecht hatten oder dass ihre Werke heutigen Bedürfnissen und Erwartungen in jeder Hinsicht
entsprechen müssten. Zu Themen wie Klimakrise, Identitätspolitik oder Digitalisierung konnte Johann
Wolfgang von Goethe beim bestem Willen nichts sagen. Deshalb durchkämmen Regisseurinnen und
Regisseure unserer Tage oft andere künstlerische Areale nach Stoffen, die dem näher sind, was sie
ausdrücken wollen - und dramatisieren Romane oder Filme. Die Botschaft ist ihnen wichtiger als die
Form.
Nicht harmoniesüchtig
Friedrich Schiller und Henrik Ibsen können die Regieführenden trotzdem schätzen, doch praktisch auseinandersetzen wollen sie sich lieber mit „Die Welt im Rücken“, „Die Jahre“ oder „Dogville“ - oder mit der 1974 geborenen US-amerikanischen Autorin, Performancekünstlerin und Filmemacherin Miranda July. In ihren beiden Romanen spricht sie explizit aus einer weiblichen Perspektive und von einer feministischen Position aus. Sie tut dies nicht wütend und nicht harmoniesüchtig, sondern mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit. Dadurch wird ihre Literatur weder besser noch schlechter als die von Männern, aber für die Leserinnen interessant, weil sie bei aller Differenz durchaus Gemeinsamkeiten in der Lebenspraxis entdecken können - so skurril Julys Bücher auch sein mögen.
Zwei Produktionen in Berlin zeigen dies nun kunstvoll. In den Sophiensælen, einer freien Spielstätte, haben die Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster den Roman „Auf allen Vieren“ (2024) dramatisiert. Dem Buch wurde despektierlich das Etikett „Wechseljahreroman“ aufgeklebt, worum es sich tatsächlich dreht, zumal um die Perimenopause. In erster Linie erzählt July allerdings von Frauen mittleren Alters: Davon, wie sie sich wahrnehmen und wie dies andere tun. In der Literatur ist diese Personengruppe kaum vertreten und bildet eine narrative Leerstelle, und die wollte das rein weibliche Produktionsteam besetzen.
Er will keinen Sex mit ihr
Die Hauptfigur, eine Künstlerin von 45 Jahren mit Ehemann und nonbinärem Kind, gönnt sich eine dreiwöchige Auszeit von ihrem Alltag und quartiert sich allein in einem Motel ein. Dort lässt sie ihr Zimmer aufwendig umdekorieren, verliebt sich in einen über zehn Jahre jüngeren Mann, der keinen Sex mit ihr will, welchen sie später mit einer älteren Frau genießen wird. Jetzt mal ehrlich: Welches Stück hätte das leisten können? Und so kamʻs in Sachen Empowerment von Frauen zu „Auf allen Vieren“.
Für diese Romanadaption stehen in den Sophiensælen lose ein paar Betten und Wandelemente herum. Es dominieren die Farben Gelb und Flieder, die dem offenen Bühnenbild von Hanna Roxane Scherwinski eine mädchenhafte Atmosphäre verleihen. Das Buch wurde radikal von 416 auf 32 Seiten gekürzt, aber die Fassung macht den Selbstfindungsprozess der Protagonistin mit charmanter Lakonie nachvollziehbar.
Die Schauspielerinnen Fritzi Haberlandt und Meike Droste teilen sich den Text auf, wechseln fließend Rollen und Szenen. Mit Grazie und Chuzpe wird mehr gesprochen als gespielt. Obwohl ein Hauch von Barbie in der Luft liegt, werden die Probleme der Frau in den mittleren Jahren, die nun - mit schönen Grüßen an Virginia Woolf – einen Raum für sich allein hat, nicht weggelächelt. Die hinreißenden Darstellerinnen tragen helle Hotpants, Jacketts und kniehohe Stiefel, kichern, singen, tanzen, haben permanent gute Laune. Und dann berichten sie von der Großmutter und von der Tante, die mit Mitte Fünfzig aus dem Fenster gesprungen sind, weil sie als zu alt galten. Plötzlich wird der Erzählerin klar, „dass ich die Nächste in dieser matriarchalen Linie war“. Das ist die Spannweite dieses „Wechseljahreromans“: Freiheit und Repression, Leben und Tod. All dies bringt die schwungvoll- komödiantische Inszenierung frech und vergnügt und mit strahlender Empathie auf die Bühne.